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20.03.2007

GILBERT die CD "Liebe, Laster, Leidenschaft"
im Test von Holger Stürenburg!

Der Hamburger Musikjournalist hat die aktuelle Nr. 1 der smago!-Hitparade genau unter die Lupe genommen...:

Heute soll es an der Zeit sein, in diesem Portal ein wahrlich hochbegabtes "Nachwuchstalent" vorzustellen, das in seiner österreichischen Heimat seit Mitte der 90er Jahre zu den gefragtesten Top-Schlagerinterpreten zählt und 2007 endlich auch in der Bundesrepublik durchstarten möchte.

Der Innsbrucker Familienvater GILBERT legte dieser Tage eine faszinierende CD vor, die elf durchwegs selbstgeschriebene Titel, zwischen gehobenem Schlager, leichten Chansoneinflüssen und properem Deutschpop/Deutschrock beinhaltet, und sicherlich dazu in der Lage sein wird, deutsche Freunde anspruchsvoller, muttersprachlicher Popmusik enorm zu begeistern.

In den besten Momenten nach Udo Jürgens, Wolf Maahn oder Andreas Martin klingend, und in den (wenigen) schwächeren nach Wolfgang Petry (1992ff) und Bernhard Brink, schafft es der geprüfte Bergführer, Ski- und Snowboardlehrer über 38 Minuten lang, seine Zuhörer vollends in den Bann zu ziehen.

"Liebe Laster Leidenschaft" (MCP/VM) nennt sich Gilberts aktuelle Produktion, mit der sich der "meistgespielteste Solokünstler Österreichs" (Presseinfo) nun auch in unseren Breitengraden einen positiven Namen machen möchte.

Dies dürfte, in Anbetracht der elf Beiträge auf vorliegender CD, ohne Zweifel anstandslos gelingen. Geradezu alle Songs des Albums vermitteln hohes kompositorisches Niveau; die Arrangements sind durchgehend authentisch, trefflich und niemals allzu modern-zeitgeistig geraten. Stimmlich übertrifft Gilbert eine ganze Menge selbsternannter No-Name-Schlagersänger eindeutig, die derzeit die Popwelt durchziehen und spätestens in vier, sechs Wochen vergessen sein dürften.

Der treibende, rasante, einwenig nächtlich-urban anmutende Titelsong, mit seinen spannenden Saxophon-Einsprengseln, tendiert letztlich mehr in Richtung Deutschrock a’la "PUR", als in seichte Gefilde, die der Deutsche Schlager leider immer noch allzu oft hervorbringt.

Das chanson-ähnliche, immens an Udo Jürgens gemahnende "Schön, daß es Dich gibt" offenbart einen leidenschaftlichen Künstler, der absolut hinter dem steht, was er singt.

Titel Numero Drei, "In dieser Sommernacht", erzählt die Geschichte eines einsamen Mannes, der sich Samstag Nacht, depressiv und traurig, bereits auf dem Weg zurück nach Hause befindet, plötzlich und unerwartet seine Traumfrau trifft und auf einmal wiederum glücklich und zufrieden ist – ein Klasse Ohrwurm, der problemlos die Chance hat, zu einem real existierenden Sommerhit zu erwachsen.

Einwenig sehr pathetisch und quasireligiös wird es dagegen in der eher zurückhaltenden Ballade "Wind der Freiheit", in dem – wie aktuell so oft in der einheimischen Schlagerszene – der Liebe Gott persönlich angerufen wird; ein Faktum, das – und dies ist die ganz persönliche Meinung des Rezensenten – momentan im deutschen Popgeschehen tatsächlich unnötig überstrapaziert wird.

Der schnelle Poprocker "Willenlos" kupfert sein Intro nahezu Eins zu Eins von Bernhard Brinks 1978er-Hit "Alles braucht seine Zeit" ab, um sich aber kurz danach zu einem überaus leckeren Rock-Ohrwurm der besten Güteklasse zu entwickeln.

In ein Maffay-eskes Countryrock-Umfeld begibt sich der erfolgreiche Teilnehmer am internationalen Friedens-Song Contest in Irland, der Anfang der 90er Jahre stattfand, im streicherverzierten "Desperado", wobei hier die häufig betont angloamerikanische Intonation nicht unbedingt vonnöten gewesen wäre.

Eher Mittelmaß bleibt die (nicht nur vom Titel her) extrem an Andy Borg erinnernde Mid-Tempo-Ballade "Glück ist wie ein Sonnenstrahl". Gilbert hat, dies zeigt "Liebe Laster Leidenschaft" in aller Deutlichkeit, weitaus mehr drauf, als schnellvergänglichen Schlagerschmus.

Für diesen nicht ganz so berauschenden Beitrag entschädigt jedoch umgehend der klassische Deutschpopper "Wie eine Achterbahn", der zur Hochphase deutscher Popmusik, Mitte bis Ende der 80er Jahre, garantiert auf einer Augenhöhe mit Purple Schulz, Klaus Lage oder der "Münchener Freiheit" gestanden hätte.

Der eingängige Gitarrenpopper "Ein bißchen 40" scheint ein mehr oder minder zutiefst autobiographischer Song zu sein, zumal Gilberts Management auf Nachfrage des Rezensenten, wie alt der sympathische Pop-Gentleman doch sei, eben jenen Liedtitel als Antwort gab...

Radikal rockig, irgendwo in der Nähe von Peter Maffay oder Mathias Reim, wird es im recht aggressiv ausgefallenen Geradeaus-Hymnus "Die Sterne stehen gut", während die letzte Nummer von "Liebe Laster Leidenschaft", "Hey Du", einen sehr nachdenklich-philosophischen Künstler präsentiert.

Alles in allem stellt die hier analysierte CD nicht mehr und nicht weniger dar, als eine animierende, offensive, ausnahmslos liebenswerte und anregende Songkollektion, der gleichfalls der bundesdeutsche Schallplattenmarkt eine gute Chance einräumen sollte.

Gilbert ist, dies kann man nicht oft genug wiederholen, niemals ein banaler "Schlagerfuzzi", der nur von "Liebe" und "Romantik" trällert, sondern ein hochintelligenter Vollblutmusiker, der in Futuro noch unzählige spannender, klischeesprengender und immer höchst anspruchsvoller Pop/Rock-Kleinode, versehen mit originären, ehrlichen und überzeugende Texten, aus dem Ärmel schütteln dürfte!

Gesamtnote: 1 bis 2

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